„Anwälte arbeiten schon jetzt oft agil“

In Frankfurt gibt es jetzt Reinvent, den „ersten Legal Tech Hub Kontinentaleuropas“. Geschäftsführer Daniel von Devivere erklärt, was sich die Beteiligten davon versprechen.

Herr von Devivere, bei Ihnen sitzen unterschiedliche Unternehmen direkt nebeneinander, Musik tönt im Hintergrund, der Konferenzraum sieht wie ein Wohnzimmer aus. Und niemand trägt ein Oberhemd. Das kennt man von Tech-Firmen und Startup-Bürogemeinschaften. Aber können so Anwälte seriös arbeiten?

Daniel von Devivere: Der Kontrast ist ganz bewusst gewählt. Wir wollen zeigen: Zusammenarbeit kann auch im juristischen Bereich ganz anders strukturiert sein als bislang üblich. Dabei erfüllen unsere Räumlichkeiten die Anforderungen einer klassischen Kanzlei. Der Konferenzraum sieht gemütlich aus, ist zugleich aber schalldicht. Und wer sagt, dass Anwälte nicht auch über Unternehmensgrenzen hinaus kooperieren können? Der Austausch kann sehr befruchten; am Ende profitieren alle davon, dass nicht jeder das Gleiche parallel entwickeln muss. Um Ihre Frage zu beantworten: Gerade junge Menschen wollen heute „anders“ arbeiten – und unsere Partner zeigen hier, dass das auch mit ihnen geht.

Ist das Ganze also ein Arbeitgeber-Marketinginstrument für die Partner des Hubs wie Baker McKenzie oder die Rechtsabteilungen von Bosch, Daimler und ZF?

Auch rechtliche Beratung steht wie der Rest der globalen Wirtschaft durch die Digitalisierung vor Veränderungen. Damit Sie diese Veränderungen mitgestalten können, benötigen Sie die richtigen Köpfe, die offen für Neues sind. Und die wollen natürlich sehen, dass ihr Arbeitgeber selbst auch offen für Erneuerungen ist. Aber bei uns geht es nicht um Show, sondern wir glauben an die Vorteile dieser Form der Kooperation. Darum sitzen nicht nur Unternehmen ohne Trennwände nebeneinander, sondern wir sind auch Gastgeber unterschiedlichster Treffen und Vorträge.

Wer tauscht sich da mit wem aus?

In der Startaufstellung haben wie vier unterschiedliche „Parteien“: Die Großkanzlei, die Legaltechs, die Rechtsabteilungen der Unternehmen und mit dem Legal Tech Hub der Goethe Universität Frankfurt und der Bucerius Executive Education den akademischen Bereich. Da unterschiedliche Perspektiven und auch schon Lösungen zusammenkommen, lernt man viel voneinander. Insbesondere der offene Erfahrungsaustausch ist essentiell. Die Veranstaltungen sind für Dritte offen, denn der Input von außen hilft den Partnern des Hubs schließlich auch.

Worum geht es dabei inhaltlich?

Es kann um neu gestaltete Prozesse gehen, oder um neue Technologie-Lösungen wie Software-Tools. Besonders hilfreich sind alle Lösungen, die sich in der juristischen Praxis schon bewiesen haben. Darum ist uns auch immer wichtig, dass primär jemand berichtet, der selbst einen juristischen Hintergrund hat und die Praxis in Kanzleien oder Rechtsabteilungen kennt. So kann kein Anwalt oder Corporate Counsel sagen: „Das lässt sich so aber in der juristischen Praxis nicht umsetzen.“ Vielfach geht es auch um Scrum, Kanban und agiles Arbeiten, wie man es aus dem Technologie-Bereich kennt. Da gibt es noch Berührungsängste – dabei arbeiten viele Anwälte schon heute längst agil: Für eine größere Due Diligence kommen ganz unterschiedliche Fachanwälte länderübergreifend projektweise zusammen. Der Schritt ist also gar nicht so groß.

Bislang ist die Legal-Tech-Szene in Deutschland ziemlich überschaubar. Bei Ihnen sind bislang auch erst drei Unternehmen ansässig.

Richtig, die Szene ist klein. Wir stehen heute da, wo die Fintech-Szene vor etwa acht Jahren war. Im Raum Rhein-Main gibt es vielleicht zehn B2B-Legal-Techs. Wir wollen aber bewusst nur B2B-Legal-Techs bei uns ansiedeln, damit der Austausch besser passt. Es sollen auch in Zukunft nicht viel mehr Unternehmen werden: Uns ist wichtiger, dass die Unternehmen hier wachsen können und es möglichst wenig Fluktuation gibt.

Auffällig ist, dass – wieder einmal – die „Großen“ das Thema Digitalisierung für sich besetzen. Was ist mit den mittelständischen Rechtsabteilungen, den mittelständischen Kanzleien? Die fehlen auch hier.

Wir fangen ja auch erst an. Tatsache ist aber auch: Der Leidensdruck ebenso wie das Einsparpotential ist bei einer Rechtsabteilung mit 100 Mitarbeitern nun einmal deutlich größer als bei einer 3-Personen-Abteilung. Das ist auch bei einer Großkanzlei eher so als bei einer Mittelstandskanzlei. Aber wie bereits gesagt: Unsere Veranstaltungen stehen jedem offen. Wir wollen mithelfen, ein Ökosystem für Legal Innovation und Legal Tech zu schaffen. Das funktioniert nur, wenn es auch mit reichlich Leben gefüllt ist.

Bildnachweis: Reinvent Law/Richard Pflaume