„Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen!“

Ein Partner einer internationalen Mittelstandskanzlei wundert sich über die unseriösen Angaben von Rechtsanwälten im Vorstellungsgespräch. Vor allem beim portablen Umsatz scheint die Phantasie keine Grenzen zu kennen. Hier berichtet er von seinen Erfahrungen – anonym.

400.000 Keine krumme Zahl, sondern genau 400.000 Euro. Und das habe ich schon mehr als einmal gehört. 400.000 Euro portablen Umsatz verspricht der Bewerber, den ein Headhunter auf die offene Stelle bei uns vermitteln will. Die Gehaltsvorstellung ist dann zufällig immer die Hälfte des angeblich mitgebrachten Umsatzes, sodass die Kostenquote saubere 50 Prozent beträgt. Nur: Wer soll das glauben? Mir selbst hat vor einem Jobwechsel ein Headhunter geraten, den von mir mitgeteilten portablen Umsatz doch einfach zu verdoppeln. Denn: Nachprüfen lässt sich das schwer. Man kann ja nichteinfach die Mandanten anrufen und nachfragen. Und wenn dann im Laufe des Jahres Mandanten oder Mandate „wegbrechen“… – ist das eben Pech. Wer bei uns aber als berufserfahrener Quereinsteiger anfangen will, der muss schon selbst dafür sorgen, dass sein Schreibtisch voll wird. Da kann er sich nicht auf das Geschäft der anderen Partner verlassen und darauf warten, dass sie ihm auskömmliche Umsätze zuweisen.

Rückfragen zum Umsatz

Ich frage daher ganz genau nach, wie sich der Umsatz denn zusammensetzt. Nur weil ein Anwalt für einen Mandanten die meiste Arbeit erledigt, heißt das noch lange nicht, dass das Mandat auch wirklich an der Person hängt und mit hinübergenommen werden kann. Wer wirklich eine enge Mandantenbeziehung hat, der spricht meiner Erfahrung nach ganz anders über seinen Mandanten. Voller Begeisterung. So jemand hat dann auch selten ein Problem, seinen Mandanten als Referenz zu nennen. Wer das Mandat nur am Rande betreut, kann das in der Regel nicht lange verborgen halten, da fehlt die persönliche Komponente.

Besonders vorsichtig bin ich bei Bewerbern aus Großkanzleien oder den großen WP-Gesellschaften. Das sind meist die, bei denen dort der nächste Karriereschritt stockt oder dauerhaft blockiert ist. Vielleicht ist ihnen auch gesagt worden, dass sie sich lieber etwas anderes suchen sollen. So etwas gibt natürlich eher selten jemand im Bewerbungsgespräch zu. Häufig glauben die Bewerber, dass sie unter diesen Voraussetzungen auf eine Partnerschaft in einer Mittelstandskanzlei abonniert sind. Sie kommen dann mit Gehaltsvorstellungen von 150.000 bis 200.000 Euro zu uns, weil sie auf keinen Fall finanzielle Einbußen machen möchten. Solche Kollegen meinen am Anfang ihrer Bewerbungstour, dass ihre Gehaltskarriere dort weitergeht, wo sie bei der Großkanzlei gerade zu Ende gegangen ist.

Ohne Mandanten wird es schwer

Viele Bewerber verwechseln den Begriff „portablen Umsatz“ mit dem Umsatz, den sie zuvor in der Großkanzlei abgearbeitet haben. Dabei merken sie gar nicht, dass sie schon auf der Rolltreppe nach unten sind – und gegen die Fahrtrichtung laufen müssen, um ihren Status halten zu können. Das ist nicht nur anstrengend, das hat auch meistens keinen Erfolg. Sie laufen gegen ihre eigenen nicht haltbaren Umsatzankündigungen an. Ganze Kanzleien, die zu viele solcher Blender eingestellt haben, weil sie schnell wachsen wollten, kann es dann zerlegen. „Strategische Differenzen“ heißt es danach gerne. Quatsch: Da waren zu teure Leute, die vorher zu mächtig übertrieben haben. So was geht nicht gut auf Dauer. Wenn die Umsatzdifferenzen zwischen den Anwälten einer Sozietät zu groß werden, beschwert sich regelmäßig der High Performer, dass er den Low Performer „durchfüttern“ muss und dies überhaupt nicht einsieht. Meist bricht der Laden dann früher oder später – in der Regel früher – auseinander.

Für viele, die am Anfang ihrer Karriere als High Potentials galten, ist so ein Karriereverlauf wirklich bitter. Sie waren es gewohnt, viel Geld zu verdienen, haben dabei aber nicht richtig erkannt, dass die Mandanten und der ständige Mandatszufluss ihr eigentliches wirtschaftliches Kapital darstellen. Ohne Mandanten fassen sie in ihrer neuen Einheit keinen Fuß oder schon das Bewerbungsverfahren verläuft ohne Erfolg, sie kriegen einfach keinen Job. Am Ende werden sie dann häufig Einzelanwälte ohne Mandanten oder geben ihren Anwaltsberuf ganz auf.

Unsere berechtigte Skepsis macht es für uns nicht leicht, selbst schnell gute Mitarbeiter zu finden. Es gibt auch bei uns den ein oder anderen Mitarbeiter, den wir über Headhunter gefunden haben. Und der uns auch nicht enttäuscht hat, im Gegenteil. Die sind heute Partner. Aber das waren besondere Konstellationen oder die Umsatzangaben schienen realistisch. Die Mehrzahl meiner „neuen“ Kollegen sind jedoch alte Bekannte: Kollegen von früheren beruflichen Stationen, die wir persönlich kennen oder empfohlen bekamen. Bei denen wissen wir, was sie können und mitbringen – da konnte keiner einem etwas vormachen.

Bildnachweis: Andriy Popov, 123rf.com