Technologie als strategischer Vorteil

Juristen in Kanzleien und Unternehmen wollen mehr denn je die neuen technologischen Möglichkeiten nutzen. Offenbar aus gutem Grund: Technologieführende Häuser sind schon heute profitabler. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie „Future Ready Lawyer 2019“.

700 Juristen in europäischen und US-amerikanischen Rechtsanwaltskanzleien, in Rechtsabteilungen sowie bei Rechtsdienstleistern (u.a. den Big Four) hat Wolters Kluwer für die umfangreiche Studie „Future Ready Lawyer 2019“ befragt. Ein zentrales Ergebnis vorab: Digitalverweigerer gibt es demnach kaum noch. Der weit überwiegende Teil der Juristen arbeitet in Häusern, die sich entweder schon als „Technologieführer“ (49 Prozent) oder zumindest als „Übergangsorganisation“ (47 Prozent) begreifen. Als „führend“ gelten dabei laut Studie Häuser, die nicht nur Basistechnologien wie Datensicherheits- und Verschlüsselungstools sowie E-Billing-Systeme bereits implementiert haben, sondern heute schon „Treibertechnologien“ wie Vertragsmanagement-Software, integrierte Informations-Compliance-Tools oder digitale Systeme zur Dokumentenverwaltung effektiv nutzen und auch innerhalb der nächsten drei Jahre Investitionen in neue Technologien planen. Übergangsorganisationen sind Häuser, die angeben, dass sie den Einsatz von Technologie noch verbessern könnten und dies auch planen.

Unzureichend vorbereitet

Nur rund ein Drittel der befragten Juristen glaubt, dass ihre Organisation auf die anstehenden Veränderungen im Rechtsmarkt sehr gut vorbereitet ist. Das Vertrauen in die Fähigkeit zum Wandel ist jedoch bei Juristen von Häusern, die schon heute als Technologieführer gelten, deutlich größer (50 Prozent) als bei Übergangsorganisationen (19 Prozent).

Neue Herausforderungen sehen die Juristen vor allem in fünf Trends: Sieben von zehn Juristen erwarten, dass sie künftig mehr und komplexere Informationen bewältigen müssen, dass der Fokus auf Effizienz und Produktivität zunehmen wird und dass veränderte Kundenerwartungen erfüllt werden müssen. Zudem werden Veränderungen in der Gebührenstruktur und im Preiswettbewerb erwartet. Weiterhin gehen die Juristen davon aus, dass das Verständnis für die neuen Technologien innerhalb der Branche zunehmen wird. Doch nur rund 30 Prozent fühlen sich derzeit sehr gut vorbereitet, um auf die erwarteten Trends zu reagieren. Der Erkenntnis, dass es entsprechender Anpassungen bedarf, sind offenbar bislang kaum Taten gefolgt.

Schwächen bei Know-how, Organisation oder Finanzierung

Die Gründe für den Widerstand gegen neue Technologien innerhalb ihrer Organisation liefern die Befragten gleich mit: Am häufigsten scheitert die Einführung und erfolgreiche Umsetzung neuer Technologien in den Kanzleien und Rechtsabteilungen an mangelnden Kenntnissen und Fähigkeiten (36 Prozent), an Organisationsschwächen (34 Prozent) und aus finanziellen Gründen (30 Prozent).

Viele Kanzleien und Rechtsabteilungen haben offenbar Probleme, die Technologien mit dem höchsten Mehrwert zu identifizieren und einzusetzen. Insbesondere bei transformativen Technologien sind Verständnisschwierigkeiten unter den Juristen noch weitverbreitet. Rund die Hälfte bis knapp zwei Drittel der Befragten erwarten, dass sich Entwicklungen wie Big Data, Robotic Process Automation (RPA) oder Künstliche Intelligenz (KI) und Predictive Analytics (PA) auf ihre Arbeit auswirken werden. Aber nur rund ein Fünftel glaubt, die jeweilige Technologie auch schon zu verstehen. Zudem erschweren eine Unternehmenskultur, die Innovationen nicht fördert, eine fehlende Tech-Strategie und mangelhaftes Change Management offenbar den technologischen Wandel bei den Juristen.

Anders als bei vergleichbaren Studien, für die Teilnehmer aus Industrie- und Handelsunternehmen befragt wurden (z.B. Digitalisierungsmonitor von BearingPoint), mangelt es vielen Befragten aber auch an der entsprechenden Finanzierung. Knapp ein Drittel der Befragten gab an, dass die Kosten für die Einführung neuer Technologien zu hoch seien oder dass sie sich nicht in der Lage sehen, eine überzeugende Rentabilitätsrechnung aufzustellen.

Technologieführer werden profitabler

Dabei scheinen die Technologieführer ihr Geld durchaus gewinnbringend in Technologie investiert zu haben. Während mehr als die Hälfte der Übergangsorganisationen von einem Anstieg der eigenen Rentabilität berichtet (18 Prozent dagegen von rückläufiger Rentabilität), so verzeichnen bei den Technologieführern 68 Prozent einen Rentabilitätszuwachs (11 Prozent sinkend). Natürlich ist die Rentabilität nicht allein vom Maß der Technologienutzung abhängig. Doch gut drei Viertel aller Befragten setzen die Technologie zur Verbesserung ihrer Kundendienstleistungen ein. Insbesondere Technologieführer planen über die nächsten drei Jahre zusätzliche Investitionen. Der Vorsprung von Technologieführern zu anderen Häusern dürfte damit weiter zunehmen.

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