Alternative Finanzierungslösungen für Wachstumsunternehmen

Ein zu hoher Anteil an Bankfinanzierung macht unflexibel und erhöht das Insolvenzrisiko. Ervin Schellenberg von Capitalmind erklärt im Interview, warum sich Unternehmen nach alternativen Finanzierungsinstrumenten umsehen sollten.

Herr Schellenberg, obwohl die Konjunktur deutlich an Schwung verloren hat, können sich Unternehmen nach wie vor günstig über die Banken finanzieren. Warum sollten Unternehmer dennoch über eine Diversifizierung ihrer Finanzierungsstruktur nachdenken?

Ervin Schellenberg: Unternehmer bekommen derzeit Kredite von Banken in beispielloser Höhe, ein beträchtlicher Anteil wird dabei in Form von kurzfristigen, vermeintlich günstigen Bankdarlehen vergeben. Das belastet sowohl die Profitabilität als auch den Cashflow und birgt aufgrund der Kurzfristigkeit der Finanzierungszusagen ein Risiko in sich. Zudem besteht insbesondere während eines konjunkturellen Abschwungs die Gefahr, dass sich die Kredite erheblich verteuern oder nicht mehr verlängert werden. Längerfristige Finanzierungslösungen über den „privaten Kapitalmarkt“ mit endfälligen Tilgungsverläufen oder einer geringen Tilgungsrate können helfen, Finanzierungssicherheit zu erreichen. Durch die Aufnahme von Nachrangkapital, Vorzugskapital, stillen Beteiligungen oder Mezzanine-Kapital bis hin zu Minderheitsbeteiligungen können Unternehmer ihre Flexibilität in unterschiedlichen Unternehmenssituationen erhöhen. Im gegenwärtigen Abschwung ist das viel wert.

Solche Finanzierungsformen sind aber teurer als ein Bankkredit.

ES: Das ist richtig. Eine Unternehmensfinanzierung sollte jedoch so strukturiert sein, dass sie sich flexibel an die Bedürfnisse des Unternehmens anpasst. Dies ist umso mehr der Fall, wenn der Cashflow des Unternehmens zyklischen Schwankungen unterliegt oder aus anderen Gründen belastet ist. Hier kommt eine traditionelle Kreditfinanzierung schnell an ihre Grenzen. Daher ist die Kombination von unterschiedlichen Finanzierungsformen sinnvoll. Spezial-Finanziers verstehen das operative Geschäft, die zu finanzierenden Situationen, das Asset und die spezifischen Eigenheiten der Branche gerade bei komplexen Finanzierungsanforderungen häufig besser als die breit aufgestellten Firmenkundenberater der Banken.

Für welche Unternehmen kommen solche Finanzierungslösungen infrage?

ES: Die Kapitalaufnahme über den privaten Kapitalmarkt ist für mittelständische Unternehmen bereits ab einem Umsatz von rund 20 Mio. EUR und einem EBITDA ab 3 Mio. EUR möglich. Früher konnten sich dort lediglich große Unternehmen mit Kapital versorgen. Inzwischen ist dies auch für kleinere Unternehmen möglich.

Bei welchen Finanzierungsanlässen kommen solche Instrumente zum Einsatz?

ES: Die Kapitalbeschaffung über den privaten Kapitalmarkt als Ergänzung zum Bankkredit ist insbesondere für Unternehmen interessant, die – organisch oder durch Akquisitionen – wachsen wollen oder die im Rahmen der Transformation ihres Geschäftsmodells eine zusätzliche Finanzierung suchen. Darüber hinaus sind solche Finanzierungslösungen für Unternehmer attraktiv, die im Rahmen einer Rekapitalisierung Kapital entnehmen wollen, z.B. um ihr Privatvermögen zu diversifizieren oder falls Gesellschafter herausgekauft werden müssen. Ein weiterer Anlass kann die Bereinigung einer historisch gewachsenen, verschachtelten Fremdfinanzierungsstruktur sein. Dabei kann dann auch der Einsatz vorhandener Sicherheiten effizient in die Finanzierung integriert werden.

Wie lässt sich die Bilanz mithilfe dieser Finanzierungsinstrumente optimieren?

ES: Bei der Vielzahl an Finanzierungslösungen verlieren Unternehmen schnell den Überblick. Zunächst einmal muss die Zielkapitalstruktur festgelegt werden. Dabei sollte das Verhältnis des Vermögens, das im Unternehmen gebunden ist, zum Wirtschaftszyklus und zum Lebensabschnitt des Unternehmers passen. Weiterhin gilt es, verschiedenste bilaterale Kreditvereinbarungen mit kurzfristigen Laufzeiten in einem oder mehreren langfristigen Finanzierungsinstrumenten zu konsolidieren. Durch die langfristige Verfügbarkeit von finanziellen Mitteln wird die Flexibilität im Tagesgeschäft generell erhöht. Das gilt sowohl für längerfristig gebundenes Anlagevermögen als auch für Working Capital. Hierbei müssen auch langfristige Investitionspläne berücksichtigt werden.

Foto: Capitalmind