„Investitionsstaus werden sofort vom Kaufpreis abgezogen“

Die Zeit der Heuschreckendebatte ist schon lange vorüber. Private Equity ist auch bei mittelständischen Mandanten angekommen. Und doch halten sich beharrlich Bedenken gegenüber Finanzinvestoren. Wir haben den Private-Equity-Manager Dr. Sven Oleownik von Gimv mit typischen Unternehmer-Einwänden konfrontiert. Das sind seine Antworten.

Unternehmer-Einwand 1:
Auch wenn ich selbst keine Vorurteile gegenüber Private Equity hätte – wie gehe ich mit einer möglichen Verunsicherung bei Mitarbeitern oder Lieferanten um?

Dr. Sven Oleownik: Grundsätzlich hat sich Private Equity auch in Deutschland erfolgreich etabliert und Gesellschafterwechsel gehören immer mehr zum normalen Unternehmensleben dazu. Sicher, Mitarbeiter, Lieferanten oder auch Kunden wollen gewiss sein, dass auch in Zukunft alles „gut“ läuft. Je mehr ein Unternehmen von einzelnen Personen geprägt und abhängig ist, desto sorgfältiger muss man mit diesen Sorgen auch umgehen – übrigens auch im ureigenen Interesse als Investor. Denn auf die Menschen, ihre Fähigkeiten, ihren Einsatz, ihre Loyalität, Kreativität und Motivation kommt es an – und es lohnt sich, sich darauf auch zu verlassen. So kamen wir etwa einmal bei einer Nachfolgeregelung ins Spiel, bei der ein älterer Unternehmer über viele Monate Gespräche mit uns führte, von denen niemand im Unternehmen etwas erfahren durfte, und der uns bei der Besichtigung als Mitarbeiter einer Versicherung ausgab. Das Überraschende nach der Vertragsunterzeichnung war dann die große Erleichterung bei den Mitarbeitern. Die meisten waren froh, dass die ungeregelte Nachfolge nun kein belastendes Tabuthema im Unternehmen mehr war und sie nun wieder „voll in die Speichen“ greifen konnten. Unsere Erfahrung zeigt, dass die Sorge eines Unternehmers meist größer ist als die der Mitarbeiter und ein Wechsel erfolgreich und unaufgeregt gelingen kann.

Unternehmer-Einwand 2:
Finanzinvestoren haben nur ein Ziel: Den profitablen Wiederausstieg.  Wie kann mein Unternehmen da noch langfristig gedeihen?

Dr. Sven Oleownik: Dem muss ich einfach widersprechen. Natürlich investiert man Geld, weil man damit etwas verdienen will. Manche schütten Dividenden aus und das Geld steht den Unternehmen nicht für weitere Investitionen zur Verfügung. Oder aber man arbeitet an einer Wertsteigerung und Fortentwicklung, was beiden Partnern zugutekommt: Ein guter Kaufpreis für den Investor und Zukunftssicherheit für das Unternehmen. Spätere Käufer schauen bei der Due Diligence mittlerweile sehr genau hin und Investitionsstaus  etc. werden sofort vom Kaufpreis abgezogen. Sozusagen: Die Zeiten, in denen man eine alte Rostlaube verkaufen konnte, indem man die Löcher notdürftig mit Unterbodenschutz zukleistert, sind vorbei. Mit anderen Worten: Auch langfristige Investitionen werden getätigt. Jedenfalls in unserer fast 40-jährigen Historie.

Unternehmer-Einwand 3:
Private Equity wirbt gerne mit “Smart Money” – Netzwerk, internationalem Marktzugang etc. Kommt bei der Fülle an Beteiligungen eine intensive Betreuung meines Unternehmens nicht zu kurz?

Dr. Sven Oleownik: Bei einem großen Portfolio kommt es auf die Anzahl an Partnern an, die sich idealerweise um zwei bis drei Beteiligungen kümmern und dabei auch auf einen breiten Wissensschatz der Kollegen zurückgreifen können. Wir wissen genau, wer mit welchen Themen schon Erfahrungen gesammelt hat. Die Geschäftsführung bleibt aber beim Management – wir verstehen uns als aktiver Sparringspartner und unterstützen wo gewünscht und sinnvoll nach Kräften. Tatsächlich ist auch ein „Freundeskreis“ ausgewählter, externer Manager wertvoll – ich denke etwa an unsere Beteiligung an einem Getriebehersteller, dem wir mit einem Partner aus unserem Netzwerk zum Markteintritt in China verhelfen konnten. Wichtig ist immer, nichts zu versprechen, was man nicht halten kann und so das entgegengebrachte Vertrauen zu verspielen – aber auch, um sich im Rahmen der Investmententscheidung nicht selbst etwas vorzumachen.

Unternehmer-Einwand 4:
PE-Investoren laden ihren Beteiligungen einen großen Schuldenberg auf – das bedeutet doch steigende Risiken und einen eingeschränkten Investitionsspielraum für mein Unternehmen?

Dr. Sven Oleownik: Wir verdienen unser Geld durch die Wertsteigerung von Unternehmen und nicht durch „Finanz-Engineering“ – das setzt voraus, Strategie und Businessplanung unserer Unternehmen sehr genau anzusehen und eine Finanzierung aufzusetzen, die deren Umsetzung unterstützt und eben nicht limitiert. Mögliches Wachstum soll nicht durch knappe Finanzierung abgewürgt werden, Zeit und Nerven raubende Diskussionen mit Bankern wollen wir vermeiden. Wir können auch einen langen Investmenthorizont vorhalten und bei Bedarf aus eigener Kraft nachfinanzieren.

Unternehmer-Einwand 5:
Finanzinvestoren haben wenig Ahnung von meiner speziellen Branche und Nische. Habe ich angesichts des steigenden Berichtsaufwands und zunehmender Diskussionen überhaupt noch einen Mehrwert?

Dr. Sven Oleownik: Ein Branchenfokus ergibt durchaus Sinn. Gimv konzentriert sich auf die Bereiche Connected Consumer, Health & Care, Sustainable Cities und Smart Industries – weil wir dort zukunftsträchtige Trends sehen und uns jahrzehntelange Expertise aufgebaut haben. Andere Player fokussieren sich auf andere Branchen und Segmente – hier kann man sich etwa beim BVK einen Überblick verschaffen. Solche Sektorteams, externe Unterstützung, Corporate Governance und ein angemessenes Berichtswesen sind notwendig, aber bei weitem nicht alles. Wir investieren zuvorderst in Menschen, die klare Zielvorstellung für ihr Unternehmen haben. Idealerweise sollte es einen gemeinsamen „Spirit“ geben, der auf Vertrauen und Transparenz fußt. Schon in der „Flirtphase“, wenn wir uns über das Unternehmen, dessen Entwicklung und Strategie, unterhalten, aber auch über sehr persönliche Dinge wie Werte, Ziele, Erfahrungen, Hobbies, Siege und Niederlagen, zeigt sich meist recht gut, ob man „miteinander kann“.

Fotoquelle: Unternehmen