Wachstumsschmerzen im Aufschwung

Anfang Juli trafen sich die Unternehmervertrauten erstmals wieder in Frankfurt am Main. Michael Sager von der Helaba, berichtete im Gespräch mit Bastian Frien über Herausforderungen in der Finanzierung, die Bedeutung langjähriger Kundenbeziehungen in Krisenzeiten und die Zukunft der Mittelstandsfinanzierung.

Herr Sager, in einigen Segmenten der Mittelstandsfinanzierung lässt sich bereits seit einiger Zeit ein sukzessiver Rückzug der Banken beobachten. Inwiefern hat die Corona-Pandemie diesen Trend beschleunigt?

Michael Sager: Nach der Krise 2008/09 war das Interesse der Banken – insbesondere der Auslandsbanken – am deutschen Mittelstand groß. Seither hat sich die Situation maßgeblich verändert. In der Gewinn-/Verlustrechnung der Banken drücken zum einen der gestiegene Wettbewerb und die anhaltende Niedrigzinspolitik der EZB sowie zum anderen die zunehmenden aufsichtsrechtlichen Kosten andererseits erheblich auf die Ergebnismargen der Banken. Hinzu kommen die nicht unerheblichen Zukunftsinvestitionen in die IT und die Digitalisierung. Das hat bereits vor der Pandemie dazu geführt, dass einzelne Banken ihre Strategie überdacht haben. Durch die Pandemie entstand insbesondere im Jahr 2020 ein starker Druck auf die Bankbilanzen. Als Folge dieser Entwicklungen richten sich einige Banken neu aus und ziehen sich punktuell aus einigen Geschäftsfeldern und Regionen zurück. Wir stellen aber auch fest, und dies trifft auch auf unser Haus zu, dass die aktuelle Situation die bestehenden langjährigen Kundenbeziehungen eher gefestigt hat.

Wie haben sich die Finanzierungspartner in der Krise verhalten?

MS: Gerade im zweiten Quartal 2020 gab es eine große Verunsicherung unter den Marktteilnehmern. Im Kreditmarkt ging es anfangs erst einmal darum, die Liquidität zu sichern, um den Geschäftsbetrieb der Kunden aufrechtzuerhalten. Entsprechend ist die Nachfrage nach strategischen Konsortialkrediten im zweiten Quartal 2020 eingebrochen. Im Gegenzug war die Nachfrage nach KfW-Krediten anfangs sehr groß. Bis aber die Kreditbedingungen für die Corona-Hilfskredite klar waren, hatte sich die Lage liquiditätsseitig teilweise schon wieder etwas entspannt. Treiber hierfür waren das sehr gute Working Capital Management der Unternehmen und der sorgfältige Umgang mit Kosten- und Investitionsentscheidungen. Der Schuldscheinmarkt hat – nach anfänglichem Stocken – dann doch sehr frühzeitig und durchgängig funktioniert. Wir waren hier permanent vertreten und haben Unternehmen bereits frühzeitig wieder an den Schuldscheinmarkt begleitet.

Wie sieht es aktuell aus?

MS: Die Situation ist nach wie vor von wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt. Dennoch nutzen gerade gut aufgestellte Unternehmen jetzt die Gelegenheit, zu investieren und zu akquirieren. Es ist unverändert viel Liquidität im Markt und die Kreditbedingungen haben sich sowohl auf der Margen- als auch auf der Strukturseite wieder entspannt.

Stehen die Zeichen bereits wieder auf Wachstum?

MS: Wir gehen davon aus, dass die große Insolvenzwelle ausbleibt, da u.a. die Hilfsprogramme Wirkung gezeigt haben. Viele Branchen sind zudem gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Voraussichtlich werden die meisten Unternehmen in den kommenden 12 bis 24 Monaten wieder wachsen, abhängig von der anhaltenden Unsicherheit durch die weitere Pandemieentwicklung.  Allerdings könnte das Wachstum für viele eine Herausforderung in der Finanzierung werden.

Wo klemmt es?

MS: In einem Aufschwung benötigen Unternehmen schnell Liquidität, um Working Capital wieder aufzubauen und die aufgeschobenen Investitionen zu tätigen. Die Absicherung der Lieferketten hat höhere Bestände zur Folge. Gleichzeitig sind die Einkaufspreise teils deutlich gestiegen. Zudem stehen große Transformationsprozesse, z.B. in den Bereichen Digitalisierung und Nachhaltigkeit an. Die Krise hat sich jedoch in den Bilanzen vieler Unternehmen niedergeschlagen, mit entsprechender negativer Wirkung auf deren Ratings, sodass der Zugang zu Finanzierungsmitteln für die betroffenen Unternehmen schwieriger und teurer werden dürfte.

Für die Banken und Investoren auf der anderen Seite stellt sich nun die Frage, ob sie Umsatzplanungen, die z.T. einen starken Hockey-Stick-Effekt beinhalten, Glauben schenken können. Für manch ein Unternehmen ist es möglicherweise der richtige Zeitpunkt, das Geschäftsmodell neu auszurichten. Auch das muss finanziert werden. In beiden Fällen ist es gut, wenn bereits ein langjähriges Vertrauensverhältnis mit dem Finanzierungspartner besteht. Hausbanken haben bereits diverse Zyklen mit ihren Kunden durchlebt. Gerade auch regionale Banken und insbesondere die Sparkassen mit entsprechend langjährigen und erprobten Geschäftsbeziehungen waren den Unternehmen in der Krise eine Stütze.

Wie verändert das Thema Nachhaltigkeit das Mittelstandsgeschäft der Banken?

MS: Nachhaltigkeit ist ein „Game Changer“ für die Finanzierung und für uns eine zentrale gesellschaftliche Verpflichtung. Die EU-Taxonomie trägt maßgeblich dazu bei, dass Green Finance immer wichtiger wird. Nachhaltigkeit spielt bereits heute bei den Kreditkonditionen eine Rolle und wird immer mehr auch die Kreditentscheidung selbst mit beeinflussen. Es wird also nicht mehr nur auf die Bonität und die Cashflows geachtet, sondern auch auf den nachhaltigen Umgang mit der Umwelt und den Stakeholdern. Natürlich stehen hier die großen Unternehmen und Banken zuerst im Fokus der Aufsicht, aber gerade auch dem Mittelstand stehen wir im Transformationsprozess zunehmend beratend zur Seite.

Foto: Helaba