„Wir sind weiter bereit, Kreditrisiken einzugehen“

Die Zeiten des billigen Geldes sind vorbei. Mit der Zinswende der Notenbanken und sich verdüsternden Konjunkturaussichten machen viele Unternehmen ihre Finanzierung wetterfest. Wie Banken in einem solchen Umfeld agieren, erklären Michael Sager und Tim Austrup von der Helaba.

Herr Sager, Herr Austrup, wie stellen sich Unternehmen angesichts einer als sicher geltenden Rezession kreditseitig auf?

Tim Austrup: Der Kapitalbedarf der Unternehmen ist momentan in vielen Fällen hoch. Aktuell registrieren wir zwei Trends in der Unternehmensfinanzierung. Erstens: Viele Firmen verfolgen langfristige Investitionspläne, die sich aus der Digitalisierung und Automatisierung der Produktion ergeben und die finanziert werden müssen. Daran wird auch meistens nicht gerüttelt. Außerdem wird häufig versucht, die Produktion – wo möglich und sinnvoll – näher an die Absatzmärkte zu holen; Stichwort Nearshoring. Und zweitens: Wegen beeinträchtigter Lieferketten und deutlicher Preissteigerungen für Rohstoffe und Vorerzeugnisse stocken die Unternehmen ihre Läger auf. Das führt zu einem erheblichen Liquiditätsbedarf für Working Capital.

Michael Sager: Kreditlinien, die nur für den Notfall vereinbart oder als Ausweis hervorragender Bonität bereitgestellt worden waren, wurden in den vergangenen Monaten teilweise gezogen bzw. die Unternehmen haben vorsorglich weitere Linien angefragt. Zudem registrieren wir eine hohe Dynamik im Schuldscheinmarkt. Es gibt viele Neuemittenten, die das Instrument erstmals als langfristige Bodensatzfinanzierung nutzen.

Wie haben sich denn die Kosten für Unternehmenskredite entwickelt?

TA: Die Finanzierungskosten sind seit dem Tief im Jahr 2019 deutlich gestiegen. Mit der Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) hat dieser Trend zuletzt noch einmal deutlich an Dynamik gewonnen. Zudem haben die Risikoaufschläge angesichts der aktuellen Krisen und einer als sicher geltenden Rezession angezogen – allerdings nicht in der Fläche, sondern differenziert. In einzelnen Finanzierungssegmenten beobachten wir auch wegen der gestiegenen Nachfrage höhere Margen, wie bspw. auf dem Schuldscheinmarkt, auf dem sich erfolgreich immer mehr Unternehmen tummeln, die normalerweise Anleiheemissionen begeben würden.

Die Zinswende hat viele Unternehmen auf dem falschen Fuß erwischt. Wie reagieren die Firmen auf diese Entwicklung?

MS: Das ist in der Tat ein Punkt. Viele Unternehmen hatten in Erwartung einer Fortschreibung der Nullzinspolitik durch die EZB ihr Zins-Hedging reduziert bzw. waren in einer abwartenden Haltung. Es gab ja auch bis vor wenigen Monaten keine Anzeichen, dass die Notenbank eine solch scharfe Zinswende einläuten würde. Angesichts nicht absehbarer Risiken sichern die Unternehmen inzwischen nicht nur Zinsen, sondern auch Währungen konsequenter, um ihre Cashflows zu sichern. Unternehmen, die das noch nicht getan haben, sollten sich spätestens jetzt darüber Gedanken machen.

Banken schauen bei der Kreditvergabe inzwischen genauer hin. Ist auch die Helaba strenger geworden?

MS: Die Helaba legt Wert auf langfristige Kundenbeziehungen. Wir stehen zu unseren Kunden und unseren Verpflichtungen und sind im Rahmen unseres konservativen Risikoansatzes und bei entsprechender Prüfung weiter bereit, Kreditrisiken einzugehen. Tatsache ist jedoch, dass sich Banken in Krisenszenarien auf Kunden konzentrieren, die sie kennen und mit denen sie schon viele Jahre Geschäfte machen. Das seit vielen Jahren aufgebaute Vertrauen ist für die Helaba die Basis für eine enge Zusammenarbeit, insbesondere auch in Krisensituationen. Die Unternehmen suchen auch von sich aus Bankenpartner, auf die sie sich verlassen können. Der Ausbau des Bankenpools mit neuen Banken kann für Unternehmen im aktuellen Umfeld mitunter schwieriger sein als noch vor einem halben Jahr.

Wie sieht das auf Branchenebene aus?

TA: Einen generellen Ausschluss einzelner Branchen bei der Kreditvergabe gibt es nicht. Wir schauen uns – wie übrigens alle anderen Banken auch – die Dynamik in den einzelnen Sektoren an. Die Fähigkeit, gestiegene Kosten weiterzureichen, ist im aktuellen Umfeld bspw. besonders wichtig. Branchen bzw. Unternehmen, die bei diesen Prüfungen schlechter abschneiden, müssen tendenziell mehr Aufwand als gewohnt betreiben, um ihre Kreditgeber informiert zu halten. Sie tun sich wahrscheinlich auch bei der Gewinnung von neuen Bankpartnern schwerer. In der Summe haben wir an unseren Kreditstandards aber nichts substanziell geändert. Die Situation in den meisten Unternehmen ist ja momentan auch nicht kritisch. Die Finanzierungsstrukturen sind stabil und vielerorts gibt es noch ausreichende Liquiditätspuffer.

Erwartet die Helaba substanzielle Ausfälle im Kreditportfolio?

MS: Wir steuern auf eine Rezession zu. Das wird auch an der Helaba nicht spurlos vorbeigehen. Wir rechnen mit Kreditausfällen, ja. Aber noch nicht in diesem Jahr, sondern erst 2023 und womöglich noch 2024. Dennoch haben wir uns mit Pauschalwertberichtigungen bereits in unseren Halbjahreszahlen 2022 für stürmische Zeiten gerüstet. Noch verzeichnen wir aber keine Ausfälle bei Einzelengagements – auch weil unser Kreditportfolio primär den gehobenen Mittelstand und Large Caps repräsentiert, die besser durch die Krise kommen dürften. Zumindest zum ersten Halbjahr hat das Gros unserer Kreditkunden über volle Auftragsbücher und steigende Umsätze berichtet.

Sehen Sie bei den Ratings denn bereits eine substanzielle Verschlechterung der Kreditqualität?

MS: Noch registrieren wir keine pauschale Verschlechterung bei den Kreditratings – auch weil die aktuellen Belastungsfaktoren wie die Energiepreisinflation und der Nachfragerückgang in vielen Bereichen noch nicht Eingang in das Zahlenwerk der Unternehmen gefunden haben. Die Reportings der Unternehmen bekommen wir ja erst zeitversetzt. Gleichwohl erwarten wir basierend auf den Rahmenbedingungen aber negative Anpassungen bei den Kreditratings.

Fotos: Helaba