Herausragende Kanzleien in Nord- und Ostdeutschland

Unsere kleine, rein subjektive Zusammenstellung herausragender Kanzleien in deutschen Regionen beenden wir vorerst mit dem Blick gen Norden und Osten der Republik. Wieder haben wir ganz unterschiedliche Häuser ausgewählt – gemein ist ihnen nur ihre exzellente Arbeit, die bei Mandanten hoch angesehen ist. Doch die Strategien sind höchst unterschiedlich.

Die Kanzleien in den Regionen abseits der „Wirtschaftsländer“ Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen müssen sich vor ihren Pendants in Stuttgart, München oder Düsseldorf nicht verstecken. Auch wenn die Konkurrenz an Standorten wie Braunschweig sicherlich geringer als in Frankfurt am Main ist, stehen Wirtschaftskanzleien längst im überregionalen Wettbewerb. Dennoch haben sie ihre regionalen Wurzeln erhalten – und sich passend zum jeweiligen Standort spezialisiert. Lassen Sie sich wieder von den ganz unterschiedlichen Strategien und Ansätzen herausragender Kanzleien in Nord- und Ostdeutschland, von Hamburg bis Leipzig, inspirieren. Und wenn Sie denken: Da fehlt doch noch jemand – über weitere Anregungen freut sich die Redaktion immer.

LINDENPARTNERS, BERLIN: NEUE GESCHÄFTSMODELLE

Die Berliner Kanzlei scheint manchmal in ganz anderen Sphären unterwegs zu sein als andere mittlere Kanzleien. „Die Maxime ‚Code is law‘ wird kommen – und darauf bereiten wir uns systematisch vor“, sagt Partner Dr. Thomas Asmus. Sein Kollege Eric Romba berichtet, dass er gerade versucht, die Programmiersprache C++ in Grundzügen zu erlernen, und sich mit Ethereum beschäftigt, damit er Blockchain-basierte „Smart Contracts“ besser verstehen kann. Asmus und Romba denken schon jetzt weniger in rein juristischer Beratung, sondern vielmehr in den Geschäftsmodellen der Zukunft, die sich aus der Digitalisierung (nicht zuletzt auch der Rechtsberatung) ergeben können. „Wir verlassen unsere juristischen Kernthemen nicht, aber schauen uns die Schnittstellen beispielsweise zur IT ganz genau an. Denn es geht künftig nicht um das individuell gefertigte Gutachten für den speziellen Fall, sondern darum, wie sich unsere Kompetenz skalieren lässt“, erklärt Asmus. Aus der Analyse zur automatisierten Umsetzungsroutine, dies verändert auch das Aufgaben- und Kompetenzprofil. „Schon jetzt lassen sich z.B. 80 Prozent einer Prüfung im Erbschaftsfall automatisieren.“ Lindenpartners ist bewusst, dass bislang vor allem die Big Four an solchen Themen arbeiten. Doch der ausgesprochene Teamgeist und die Begeisterung für innovative Lösungen machen sie auch als relativ kleine Kanzlei konkurrenzfähig. Und ihre Expertise hat sich herumgesprochen. Bei der Entwicklung neuer Ansätze und Geschäftsmodelle hilft ihnen der enge Austausch mit Mandanten, die selbst Innovationen offen gegenüberstehen. Und offenbar der Digital-Kompetenz der Berliner vertrauen. Als die BaFin im Februar Deutschlands erste Token-basierte Schuldverschreibung zuließ, war Eric Romba maßgeblich am Zustandekommen beteiligt. „Wir investieren viel Zeit darin, neue Möglichkeiten auszuprobieren. Und haben zum Glück die Mandanten, die das honorieren“, sagt Romba. Allerdings sind die Berliner längst nicht nur in digitalen Gefilden unterwegs. „Das klassische Geschäft ist für uns weiterhin sehr wichtig.“ Aber was bleibt in Zukunft noch wirklich „klassisch“?

APPELHAGEN, BRAUNSCHWEIG: FRÜHE SPEZIALISIERER

„Spezialisierung ist heute sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal mehr“, sagt Dr. Martin Mack, Geschäftsführer der führenden Braunschweiger Wirtschaftskanzlei Appelhagen. „Aber wir haben damit schon in den Siebzigerjahren begonnen, als noch Generalisten üblich waren.“ Dieser Ansatz hat sich über die Jahrzehnte in der Kanzlei-DNA festgesetzt. Ein Credo der Kanzlei lautet daher auch, dass „Mandanten nicht dem Anwalt gehören, sondern dem Büro“ und je nach Notwendigkeit an den Fachspezialisten weitergegeben werden. Mandantenbetreuer wirken als Bindeglied, damit der Mandant einen fixen Ansprechpartner hat, sollten neue Spezialisten erforderlich sein. Definierte Bürostandards, die jährlich überprüft werden, sorgen dafür, dass der Mandant sich nicht auf andere Prozesse umstellen muss. „Wir schauen uns gegenseitig Akten oder Mandantenschreiben an, ob sie dem Grundschema entsprechen, z.B. einen operativen Teil mit Umsetzungsempfehlungen enthalten“, erläutert Mack. Interessanterweise setzt Appelhagen zugleich aber auf eine Vergütung, die vom persönlichen Erfolg abhängt – auch als „You eat what you kill“-Ansatz bekannt. Das klingt eigentlich wie ein Widerspruch: hier die klare Zuordnung des Mandanten nach Spezialisierung, dort der Wettbewerb um Umsätze. Nicht für Mack: „Wir haben kaum Konflikte. Erst ein Mal musste ich in all den Jahren den Schiedsrichter geben. Die Regeln sind etabliert, sie sind Teil der Sozialisation bei uns.“ Die Aussprache über und anschließende Feststellung des jährlichen Abschlusses dauere nur wenige Minuten. Der Vorteil des Wettbewerbsansatzes aus Sicht von Mack: Die Kanzlei könne unterschiedlichen Präferenzen hinsichtlich der Work-Life-Balance gerecht werden. Wer am Wochenende nicht arbeiten wolle, könne das gern so entscheiden – und akzeptieren, dass entsprechend geringerer Umsatz sich auch finanziell für ihn auswirke. „Wir halten das Prinzip der Selbstverantwortung hoch“, betont Mack. Damit hat es die Kanzlei mit rund 30 Steuerberatern, Anwälten und Notaren zum klaren Platzhirsch in Braunschweig geschafft.

PETERSEN HARDRAHT PRUGGMAYER, LEIPZIG: LEISTUNG AUS EINER HAND

Petersen Hardraht Pruggmayer (PHP) ist derzeit die zweitgrößte Kanzlei in Sachsen – und mit Standorten in Dresden, Leipzig und Chemnitz vor Ort. Von dort aus betreut sie aber auch Mandanten in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Ein neuer Standort in Erfurt ist im Gespräch, denn Thüringen sei ein „durchaus spezieller Markt“, sagt Partner Dr. Nikolaus Petersen: Kanzleien von außen hätten es schwer, bei Thüringer Mandanten Fuß zu fassen. Die Kanzlei trennt sauber nach den regionalen Bedürfnissen und der Mandantenstruktur. So bearbeitet das Dresdner Büro mit zehn Berufsträgern überwiegend den öffentlichen Bereich mit Themen wie Vergaberecht, Umweltrecht oder Verwaltungsrecht. Leipzig hingegen ist mit 20 Berufsträgern vor allem im Gesellschafts-, Steuer- und Arbeitsrecht verankert. Das relativ kleine Chemnitzer Büro betreut, gemeinsam mit dem Leipziger Standort, vorwiegend starke Mittelständler aus dem Maschinenbau und der Automobilbranche. „Mit dem breiten Angebot von Steuerrecht, Wirtschaftsrecht und öffentlichem Recht können wir viele Marktteilnehmer in der Region erreichen“, sagt Petersen. Leistung aus einer Hand – was Spezialboutiquen nicht bieten können – zu mittelstandsverträglichen Preisen. Was wiederum den Big Four oder Großkanzleien schwerfalle. Vor rund zweieinhalb Jahren ist zudem eine Kommunal- und Unternehmensberatung hinzugekommen, die beispielsweise Digitalisierungs- und Organisationsthemen unterstützt. „Das sind zunehmend relevante Themen, die eine traditionell aufgestellte Steuerberater- oder Anwaltskanzlei nicht anbietet.“ Um den Anspruch als Full-Service-Kanzlei zu erfüllen, hat PHP über die Jahre ihre fachliche Kompetenz immer wieder mit Quereinsteigern verstärkt. Jüngst sind zwei in Leipzig gebürtige Anwälte aus Berlin zu PHP gestoßen, die auf Medizinrecht und die Gesundheitswirtschaft spezialisiert sind. „Damit können wir auch diese Branche, die 12 bis 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, bedienen“, freut sich Petersen. Fünf Jahre lang hatte er um die beiden Kollegen geworben. „Bei der Neugründung von PHP 2011 hatten wir das Ziel, so im Markt präsent zu sein, dass Unternehmen und die öffentliche Hand in Mitteldeutschland immer auch an uns denken, wenn sie komplexe Rechts- oder Steuerfragen zu lösen haben. Im Rechtsbereich haben wir das geschafft, im Steuerbereich sind wir noch nicht ganz so weit“, resümiert Petersen.

FIDES TREUHAND, BREMEN: NÄHE UND BESTÄNDIGKEIT

Es war an einem Freitag, den 13., Nicolai Hansen wartete mit der Familie auf den Anschlussflug in den Süden, als der Mandant anrief. Ein größeres Problem. Die Familie flog allein weiter in den Urlaub, Hansen zum Mandanten. „Wir sind da, wenn der Mandant uns braucht“, erklärt der Geschäftsführer der Hamburger Zweigniederlassung der FIDES Treuhand. „Meine Kollegen hätten mich natürlich auch vertreten können, aber in solchen Situationen ist das persönliche Vertrauen besonders wichtig.“ FIDES, zu Deutsch Vertrauen, sei die Maxime für die WP- und StB-Gesellschaft. „Der Mandant muss sich gut aufgehoben fühlen. Dazu gehört auch, sich am Wochenende beim Mandanten zum Kaffeetrinken aufs Sofa zu setzen.“ Mandantenbeziehungen von 80, 90 Jahren Dauer sind dafür der Lohn. Die vorwiegend mittelständische Mandantschaft weiß Nähe und Beständigkeit zu schätzen. Darum ist FIDES nicht nur in den Metropolen wie Hamburg oder Berlin, sondern auch in Bremerhaven (aber auch in Bremen), Osnabrück und Rostock vor Ort. Da das Risiko, dass ein mittelständischer Mandant einen FIDES-Berufsträger für sich selbst abwirbt, deutlich geringer als bei Großkanzleien sei, sei persönliche Kontinuität auf beiden Seiten gewährleistet. „Durchlauferhitzer gibt es bei unseren jungen Kolleginnen und Kollegen nicht.“ Für langjährige Mandantenbeziehungen sorge auch der interdisziplinäre Ansatz mit Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten, aber auch mit IT- und Unternehmensberatern. Internationale Themen können gemeinsam in der Praxity- Allianz bearbeitet werden. FIDES legt zudem Wert darauf, klare Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Aussagen gegenüber dem Mandanten sollen klar und eindeutig sein. Dazu gehört auch, das Geschäft des Mandanten zu verstehen. „Wir werden das Geschäft des Kunden nie so gut verstehen wie er selbst – aber wir haben den Anspruch, es sehr gut zu verstehen. Denn gerade in Notsituationen ist keine Zeit, erst einmal die Grundlagen zu erarbeiten.“

BATTKE GRÜNBERG, DRESDEN: FRISCHE TRUPPE

„Wir wollen uns vom typischen Dunkelblau gezielt unterscheiden“, erklärt Dirk Grünberg von der Rechtsanwaltskanzlei Battke Grünberg. Flachere Hierarchien, papierloses Büro, mobiles Arbeiten wie im Büro und häufige Kundenveranstaltungen sind bei den Dresdnern inzwischen Standard. Das zeige auch Auswirkungen bei Mandanten, die die Allround-Kanzlei als „frische Truppe“ wahrnehmen. Teil der Unternehmenskultur ist, dass sich auch die Kanzleigründer an den selbstentwickelten Maßstäben wie „Kommunikation pflegen“ messen lassen müssen – „da kommt dann schon mal ein jüngerer Kollege und fragt, warum er nicht frühzeitig informiert worden wäre – obwohl Kommunikation doch zum Markenkern gehöre“, berichtet Grünberg. Junge Mitarbeiter schon früh auch an größere Aufgaben heranzuführen sei der Kanzlei ebenfalls wichtig. Beispielsweise an die Rolle des „Mandantenführers“. Das ist bei Battke Grünberg der zentrale Ansprechpartner für den Mandanten. Dieser muss nicht den Kunden gewonnen haben und auch nicht fachlich immer der Richtige sein, aber von seiner Persönlichkeitsund Arbeitsstruktur am besten mit dem Mandanten harmonieren. Und die Person sein, die immer für den Mandanten erreichbar ist. Die Mandantschaft von Battke Grünberg spiegelt die sächsische Wirtschaftsstruktur wider: Automobil, Maschinenbau, Halbleiter, Mechanik und zunehmend auch Lebensmittelindustrie. Aber auch die kommunale Wirtschaft mit den Themen wie Energie, Nahverkehr und Gesundheit sowie karitative Einrichtungen seien wichtig. Die Kanzlei schreibt sich auf die Fahnen, als Vollleister für den Mandanten auch bei neuen Themen ein kontinuierlicher, vertrauensvoller und ergebnisorientierter Partner zu sein. „Dann muss er sich nicht erst einen Spezialisten suchen, den er noch gar nicht kennt.“ Daran wachse nicht nur der Mandant, sondern auch die Kanzlei. Obwohl der Fokus klar auf dem regionalen Schwerpunkt Sachsen liegt, hat sich Battke Grünberg doch auch in mancher Nische einen überregionalen Ruf erarbeitet. Im Kirchenarbeitsrecht z.B., zum Thema Organverantwortung in kommunalen Unternehmen oder im Energie-Contracting. „Es gibt in diesen Bereichen in ganz Deutschland nur eine überschaubare Zahl Entscheider. Diese kennt man bald alle persönlich“, sagt Grünberg.

KRAUSE & KOLLEGEN, BERLIN: ANWÄLTE IN ROBEN

„Wir kennen uns sowie die beiden Partner Dr. Daniel Krause und Alexandra Wagner nun schon fast seit 20 Jahren“, berichten Dr. Patrick Teubner und Prof. Dr. Carsten Wegner von der Berliner Strafrechtsboutique Krause & Kollegen und auch der fünfte Partner, Dr. Philipp Gehrmann, sei schon als Student vor vielen Jahren zu ihnen gestoßen. Man vertraue einander persönlich und fachlich – und das mache bei der Arbeit in der Kanzlei manches einfacher. Die Kanzlei ist klar auf wirtschafts- und steuerstrafrechtliche Themen spezialisiert, wobei jeder der Partner in diesem Feld eine gezielte Spezialisierung habe. Wegner ist zum Beispiel der Mann fürs Steuerstrafrecht, Teubner bei Straftaten im Gesundheitswesen versiert und wird oft bei parlamentarischen Untersuchungsausschüssen hinzugeholt. Dabei spielen sie auch die Standortnähe zu Politik, Kammern und Verbänden aus, die in Berlin ansässig sind, beispielsweise in der Begleitung von Wirtschaftsprüfern, die gegen ihre Berufsstandards verstoßen haben sollen und von der Wirtschaftsprüferkammer verfolgt werden. Alle Partner sind gleichermaßen erfahren in strafrechtlichen Prozessen, die über die mündliche Hauptverhandlung bis zum Revisionsverfahren reichen können. „Keine Angst vor der schwarzen Robe und dem Gerichtssaal“, versuchen die Partner ihren Kollegen daher auch früh zu vermitteln, etwa um sich von Großkanzleien und deren Beratungsmodell abzugrenzen. Auch für die sanktionsrechtliche Vorfeldbearbeitung sei strafrechtliches Erfahrungswissen wichtig, um Einzelpersonen oder Unternehmen darauf vorzubereiten, was sie erwarten müssen bzw. wie die Staatsanwaltschaft oder eine Aufsichtsbehörde reagieren könnte. Anders als im Zivilrecht sollte bei Krause & Kollegen für individuell Beschuldigte aber keine längere Mandantenbeziehung entstehen – zumindest ist dies das erklärte Ziel der Strafrechtsspezialisten. Denn wer wolle schon häufiger als einmal mit der Strafjustiz zu tun bekommen, sagt Wegner. Bei der strafrechtlichen Vorfeldberatung sind zu Unternehmen langjährige Mandatsbeziehungen gewachsen. Ihre Mandanten gewinnen sie deutschlandweit auf Empfehlung von Steuerberatern oder Zivilrechtskanzleien. „Da wir nach Beendigung des Strafverfahrens den Mandanten auch nicht weiter betreuen wollen und an seine Stammkanzlei ‚zurückgeben‘, empfehlen uns die Kollegen gern weiter“, erläutert Teubner.

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