Türsteher im Kopf

Der Arzt und Neurowissenschaftler Volker Busch arbeitet mit Menschen, die unter Stress und Ängsten leiden. Im Interview verrät er, wie wir Stress abbauen und uns vor zu vielen negativen Einflüssen schützen können.

Herr Busch, warum fühlen sich so viele Menschen gestresst und in ihrem Berufsalltag überfordert?

Volker Busch: Neben der Arbeitsbelastung müssen sich wir uns derzeit mit vielen politischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten auseinandersetzen. Es ist viel weggebrochen, was früher selbstverständlich war. Dadurch spüren die Menschen eine große Unsicherheit, die sie so bisher nicht kannten. Diese wird durch den andauernden Konsum von schlechten Nachrichten noch verstärkt – überall droht ein Armageddon.

Was ist die beste Strategie, damit man nicht den Boden unter den Füßen verliert?

VB: Wesentlich ist ein gutes Informationsmanagement. Das bedeutet, dass wir Türsteher für unser Gehirn sein müssen. Die negativen Nachrichten, die wir heute aus den Medien beziehen, haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Diese Menge an Informationen überfordert uns. Irgendwann führt es dazu, dass wir uns schlecht fühlen. Information ist wichtig, aber die Dosis macht das Gift. Nicht alles braucht unsere 100-prozentige Aufmerksamkeit. Wenn wir einen klaren Kopf bewahren wollen, um gute Entscheidungen zu treffen, ist es sinnvoller, man richtet den Blick auf sich und die Menschen, für die man Verantwortung übernimmt, anstatt sich medial mit Negativität aufzuladen.

Wie grenzt man sich ab?

VB: Indem ich offline bin und mir Auszeiten gönne. Unser Gehirn braucht die tägliche Sende- und Empfangspause. Der Schlaf allein reicht nicht mehr aus, damit wir Informationen, die auf uns einwirken, verarbeiten können. In diesen Pausen, in denen wir in Kontakt zu uns selbst kommen, ordnen wir Dinge, bewältigen Emotionen und finden kreative Lösungen für unsere Probleme.

Es gibt viele Menschen, die den Stress aus dem Büro oder Home Office mit ins Bett nehmen und einfach nicht zur Ruhe kommen. Was raten Sie denen?

VB: Jedem, der abends nicht abschalten kann, empfehle ich, am Ende jedes Tages Bilanz zu ziehen: Auf der linken Seite wird aufgelistet, was schlecht gelaufen ist, wovor man Angst hat und was Sorgen bereitet; rechts stehen die positiven Erlebnisse des Tages. Was ist gut gelungen, worüber habe ich mich heute gefreut? Unser Gehirn erinnert uns immer nur an das, was wir nicht erreicht haben. Dieses Tagebuch sorgt für eine faire Bilanz. Es ist wissenschaftlich belegt, dass es zu einer Veränderung im Gehirn kommt, wenn wir uns abends bewusst an die positiven Erlebnisse erinnern. Diese Form des konstruktiven Optimismus kann man trainieren. Damit meine ich nicht, dass wir mit einer rosaroten Brille herumlaufen und uns Positivität einreden sollen. Wir können aber in gewissen Grenzen selbst bestimmen, womit wir unseren Kopf füttern.

Lässt sich Krisenbewältigung auch trainieren?

VB: Ja, das trainieren wir automatisch, indem wir uns immer wieder aus Krisensituationen herauskämpfen müssen. Wichtig ist, dass wir nicht hadern, sondern ins Handeln kommen. Denn das Glück, die Motivation und die Kraft kommen allein aus dem Handeln und dem Erfahren von Selbstwirksamkeit. Grübeln führt dazu, dass man irgendwann nur noch Probleme sieht. Die gute Nachricht ist: Etwa 80 Prozent der Menschen erholen sich folgenlos von Krisen, 10 Prozent werden dadurch sogar noch stärker. Allerdings muss man auch feststellen, dass nicht für alle Menschen Krisen gleichzeitig auch Chancen sind. 10 Prozent werden geschwächt oder sogar traumatisiert.

Was gibt Halt?

VB: Jeder Mensch sollte wissen, wo seine individuelle Kraftquelle liegt, und diese pflegen. Das können Freunde oder die Familie sein, ein Ehrenamt, Hobbys wie Musik oder Sport. Menschen, die eine hohe Arbeitsbelastung haben, geben immer als Erstes das auf, woraus sie eigentlich ihre Energie ziehen. Dass sie damit ihre Wurzeln kappen, die ihnen Stabilität geben, um im Alltag bestehen zu können, ist vielen nicht klar.

Wie offen sollte man mit Kollegen über eine persönliche Krise sprechen?

VB: In schwierigen Situationen ist es wichtig, dass man nicht alles mit sich selbst ausmacht, sondern dass man jemanden hat, der einem zuhört. Dies kann ein vertrauensvoller Kollege sein. Allerdings gibt es hier auch Grenzen, denn man kann seine Kollegen mit seinen Problemen auch nerven, wenn man es übertreibt.

Foto: Volker Busch