Das Dilemma des Loslassens

Wenn sich im Unternehmen alles um den Inhaber dreht und dazu noch das gesamte Familienvermögen in der Firma steckt, fällt der Rückzug in den Ruhestand doppelt schwer. Eine Partnerschaft mit einem Finanzinvestor kann das Unternehmen unabhängig vom Patriarchen machen und für die finanzielle Absicherung der Familie sorgen.

Warum ist die Nachfolge eigentlich so oft ein schwieriges, vielfach sogar gefürchtetes Thema? Schließlich beweisen angestellte Manager mit befristeten Verträgen und wechselnden Karriere­pfaden in unzähligen Unternehmen, dass eine geordnete Übergabe an einen Nachfolger so schwierig nicht sein kann. Liegt es also am Unternehmer selbst? Auch, aber eben nicht nur.

Auf den Patriarchen fokussiert

Familienunternehmen sind in besonderer Weise durch die Unternehmerpersönlichkeit geprägt. Dies bekommen auch die Mitarbeiter zu spüren. Schließlich sitzt ihnen der Inhaber, der sein eigenes bzw. das Geld seiner Familie investiert, gegenüber. Völlig klar, dass in einem solchen Umfeld unternehmerische Entscheidungen anders getroffen werden als in börsennotierten Unternehmen. Eine Nachfolge in einem solchen Kontext kann selbstverständlich nicht von einem Tag auf den anderen geschehen. Es erfordert neben organisatorischen Maßnahmen eben auch einen umfassenden kulturellen Wandel.

Investitionen vs. Vermögenssicherung

Meist haben Unternehmer und ihre Familien den weitaus größten Teil ihres Vermögens ins Unternehmen investiert und auch dort oftmals über Gesellschafterdarlehen und Bürgschaften gebunden. Das Wachstum, die Produktentwicklung, die Internationalisierung etc. erfordern weiteres finanzielles Engagement der Familie und das zu einem Zeitpunkt, zu dem das Vermögen eigentlich „hinter die Brandmauer“ geschafft und diversifiziert werden sollte.

Im Zuge der Nachfolge die Führung des Unternehmens aus der Hand zu geben ist schwierig genug – umso komplizierter wird es, wenn wesentliche Teile des Familienvermögens im Unternehmen gebunden sind. „Einfach“ verkaufen ist für viele keine Option. Denn in einer Situation, in der das Unternehmen noch vom Unternehmer abhängt, würden nur sehr wenige Käufer (und auch dann nur mit erheblichen Risikoabschlägen) auf das Verkaufsangebot des Alteigentümers einsteigen.

Teilverkauf als Lösung

Das beschriebene Dilemma kann in einer engen partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit einem Private-Equity-Investor gelöst werden. Zunächst bespricht man gemeinsam, wie die Nachfolge gelöst werden kann und welchen Weg man hierfür auf der Ebene des Unternehmens, der Unternehmensführung sowie der Anteilsverteilung gehen möchte. Denkbar ist es bspw., dass der Investor – minder- oder auch mehrheitlich – Anteile abkauft, Gesellschafterdarlehen ablöst und den Unternehmer aus Bürgschaften befreit. Gleichzeitig können vom Investor weitere Mittel für das Wachstum zur Verfügung gestellt werden.

Damit ist ein erster wichtiger Schritt ge­tan: Die Familie kann einen wesentli­chen Teil ihres Vermögens diversifizie­ren und das Unternehmen bekommt weiteres Kapital für das Wachstum. Da­rüber hinaus bleibt die Familie in einer zu besprechenden Größenordnung am Unternehmen beteiligt und muss sich nicht vorzeitig und möglicherweise unter Wert vom Unternehmen trennen. Statt­dessen kann sie an der weiteren Wert­steigerung partizipieren.

Dieses Modell ist ein erster grundlegender Schritt, um loslassen zu können. Denn mit diesem Schritt kommt auch ein Partner an Bord, der geeignete Managementprozesse einführen und die Mitarbeiter dabei unter­stützen kann, das Unternehmen vom Pat­riarchen unabhängig zu machen.

Attraktivität erhöhen durch Professionalisierung

Teilweise können Mitarbeiter und Füh­rungskräfte auch am Unternehmen be­teiligt werden. Dies ist eine Möglichkeit, Mitarbeiter zu gewinnen, zu binden und zu motivieren, die sonst i.d.R. nur börsen­notierten Unternehmen offensteht.

Zudem sind Familienunternehmen für Top-Führungskräfte oft weniger attrak­tiv, da die Einkommen meist vergleichs­weise niedriger sind. Schwerer wiegt aber die oftmals unberechenbare Abhängig­keit der Führungskräfte vom Unterneh­mer selbst sowie von sonstigen dyna­mischen Veränderungen innerhalb der Unternehmerfamilie. Hier kann ein Fi­nanzinvestor ein zentrales Element des Interessenausgleiches sein und damit die Attraktivität für Top-Führungskräfte zum Wohle des Unternehmens erhöhen.

Die Suche nach dem richtigen Partner darf allerdings nicht voreilig oder unter Zeitdruck geschehen. Wie in einer gu­ten Partnerschaft muss man sich öffnen, aufeinander zugehen, das Gespräch und Gemeinsamkeiten suchen sowie Interes­sen ausloten. Dabei bedarf es mitunter auch etwas Zeit, Klischees zu überwin­den und Vertrauen aufzubauen. Verträge und strukturelle Lösungen können das nur begleiten, aber nicht zur Blüte brin­gen. Gefordert sind hier die handelnden Personen, an erster Stelle der Patriarch und seine Familie sowie die geeigneten Personen aufseiten des Investors.

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