„Family Offices stehen im Gegensatz zu Private-Equity-Investoren nicht unter Zeitdruck“

Private-Equity-Fonds konkurrieren zunehmend mit Single Family Offices um mittelständische Direktbeteiligungen. Elmar Jakob und Thomas Retzlaff von Ipontix Corporate Finance diskutierten mit Bastian Frien auf unserer Regionalveranstaltung in Münster über die Rolle von Family Offices bei erfolgreichen Nachfolgelösungen.

DIE FRAGEN STELLTE Bastian Frien, aufgezeichnet von Ulrike Lüdke

 Herr Dr. Jakob, welche Rolle spielen Family Offices bei der Nachfolgelösung?

Elmar Jakob: Die Beteiligung von Sing­le Family Offices (SFOs) bei M&A-Transaktionen mit Nachfolgebezug hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Ein Grund dafür ist, dass die Zahl der Single Family Offices in Deutschland insgesamt gestiegen ist, weil viele Unter­nehmerfamilien ihr Unternehmen verkauft haben. Diese Familien suchen nach Anlagenmöglichkeiten für ihr Vermögen.

Warum investieren Unternehmerfamilien in unternehmerische Direktbeteiligungen?

Thomas Retzlaff: Durch diese Asset­klasse lässt sich das Familienvermögen diversifizieren, zudem verspricht die Beteiligung an Unternehmen eine gute Rendite. Das Asset „deutscher Mit­telstand“ finden diese Familien schlicht gut. Zudem reizt die unternehmerische Perspektive aus der „zweiten Reihe“.

Wie viele SFOs gibt es denn in Deutschland?

TR: Dazu gibt es keine genauen Zahlen. Wir gehen davon aus, dass im DACH-Raum schätzungsweise 200–250 SFOs im Bereich Direktbeteiligungen unterwegs sind.

Wie professionell sind die SFOs aufgestellt?

EJ: Viele vermögende Unternehmerfamilien konnten bereits in den vergangenen Jahren Erfahrungen mit unter­schiedlichen Assetklassen sammeln. Die großen SFOs haben sehr gute Strukturen aufgebaut und agieren wie professionelle Asset Manager am Markt. Private-Equi­ty-Gesellschaften nehmen SFOs bei Direktbeteiligungen inzwischen als ernstzunehmende Wettbewerber wahr. Es gibt aber große Unterschiede von SFO zu SFO.

Wo liegen die Unterschiede im Investitionsansatz zwischen klassischen Finanzinvestoren und SFOs?

TR: Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Die SFOs sind in Bezug auf Größe, Vermögen und Struktur sehr heterogen; dies spiegelt sich auch in ihrem Investmentansatz wider. Manche Unternehmerfamilien fangen mit Investments in Höhe von 2 bis 5 Mio. EUR an, andere machen nichts unter 25 Mio. EUR. Es gibt SFOs, die fokussieren sich auf bestimmte Branchen, einige investieren dagegen sehr breit, dabei spielt auch der Reifegrad des SFO eine Rolle. Bei den Direktbeteiligungen ist das Bild ebenfalls gemischt: Viele SFOs wollen aus­schließlich Mehrheiten erwerben, andere wiederum wollen ganz bewusst Minder­heitsbeteiligungen eingehen. Unterschiede im Investitionsansatz zwischen SFOs und PE-Investoren sehen wir am häufigsten bei den Themen Haltedauer und Entscheidungsfreiheit: Family Offices stehen im Gegensatz zu PE-Investoren nicht unter Zeitdruck, denn sie investie­ren i.d.R. langfristig. Zudem unterliegen sie keinen Vorgaben durch Investoren, sondern sind in ihren Entscheidungen unabhängig.

Ist das ein Wettbewerbsvorteil bei Nachfolgetransaktionen?

EJ: Es kommt bei den Verkäufern gut an, wenn ein Kaufinteressent nicht erst seine Gremien befragen muss, bevor er eine Entscheidung treffen kann. Außer­dem gibt es Unternehmer, die irritiert sind, wenn Finanzinvestoren bei den ersten Gesprächen bereits über den Exit sprechen. Wenn sich dagegen zwei Unternehmer in einem Verkaufsgespräch gegenübertreten, die einen ähnlichen Erfahrungshintergrund und das gleiche Mindset haben, ist das schon ein Vorteil gegenüber einem PE-Fonds.

Kann dies nicht auch zu einem Nachteil werden, bspw. wenn sich der Käufer immer wieder ungefragt ins operative Geschäft einmischt, weil keine klaren Regeln existieren, wie sie bspw. bei Verträgen mit PE-Investoren üblich sind, oder weil das Know-how und das Personal im SFO nicht ausreichen, um das Portfoliounter­nehmen optimal zu betreuen?

TR: Eine gute Betreuung ist ein wich­tiges Erfolgskriterium für Investments in Direktbeteiligungen. Viele SFOs leis­ten dies auch. Voraussetzung dafür ist allerdings ein qualifiziertes Team. Das hat aber nicht jedes Family Office. Und selbst dann gibt es für Unternehmer bei Direktbeteiligungen keine Erfolgsgaran­tie. Denn die Branchen haben jeweils ihre Eigenheiten. Wenn Sie als Bauun­ternehmer in ein Unternehmen aus dem Softwarebereich investieren und dies mit der gleichen Haltung wie ihr Bauunter­nehmen führen, dürfte es schwierig wer­den. Ein guter Unternehmer ist nicht au­tomatisch auch ein guter Investor.

Wie kommen Unternehmer, die einen Verkauf anstreben, und SFOs zusammen?

EJ: Es gibt Family Offices, die sich in der Öffentlichkeit präsentieren und aktiv für sich werben. Mit dieser Gruppe in Kontakt zu treten ist relativ einfach. Es gibt aber viele Unternehmerfamilien, die sehr diskret agieren. In diesen Fällen bleibt die Familie im Hintergrund und der Kontakt wird über das Netzwerk des SFO aufgebaut. Interessierte Verkäufer erreichen erst nach einer Vorprüfung den „Inner Circle“ des Family Office. Wir beobachten aber, dass die Family Offices, die schon länger am Markt aktiv sind, sich schrittweise öffnen und so „erreichbarer“ sind.

Fotos: Ipontix Corporate Finance