Lackmustest für Finanzinvestoren

Noch immer gibt es Vorbehalte gegenüber Finanzinvestoren. Unternehmer fürchten, dass ihnen die Zügel aus der Hand genommen werden oder dass ihr Unternehmen schnell an den nächsten Investor weitergereicht wird. Die aktuelle Corona-Krise ist daher auch eine Bewährungsprobe für Mittelstands-Private-Equity.

 Die Versorgung von Unternehmen mit dem notwendigen Kapital und die Unterstützung mit Netzwerk und Know-how gehören zu den Kernaufgaben von Private Equity. Das gilt für Wachstumsphasen, aber auch für Krisen. Durch schlagkräftige Planungs-, Controlling- und Reportingsysteme und den dazugehörenden regelmäßigen Austausch sind Finanzinvestoren zeitnah und umfassend über die aktuelle Situation des Unternehmens informiert. Damit kennt der Investor neben den Zahlen auch die Stärken und die Schwächen jedes einzelnen Unternehmens und seines Managementteams.

Vertrauen aufbauen

Zu einer guten Zusammenarbeit gehören ein konstruktives und proaktives Miteinander sowie ein tiefes gegenseitiges Vertrauen. Der Finanzinvestor und sein Portfoliounternehmen wissen also, was sie aneinander haben und schätzen – quasi wie in einer guten Ehe. So lässt sich schnell und effizient herausfinden, wo und in welcher Weise das Unternehmen zeitnah unterstützt werden kann. Gerade in schweren Zeiten zeigt sich, wie gut man aufeinander eingespielt ist. Das gilt insbesondere auch für Gesellschafter, Beirat oder Aufsichtsrat und Management. In solchen Situationen erweist es sich als Vorteil, wenn die Unternehmen immer so auskömmlich finanziert sind, dass bei denkbaren Planabweichungen oder in konjunkturellen Schwächephasen keine unmittelbaren Finanzierungsprobleme auftreten. Dies verschafft zumindest ausreichend Zeit, um geeignete Maßnahmen konzipieren und anstoßen zu können, ohne gleich in Bedrängnis zu geraten.

Durch Know-how-Transfer Zeit gewinnen

Doch welche Maßnahmen sind das und wie werden diese schnell umgesetzt – vor allem wenn die Zeit drängt? Hier hat sich ein strukturierter Know-how-Transfer bewährt: Private-Equity-Investoren betreuen über die Jahre eine Vielzahl von Portfoliounternehmen, zudem verfügen sie über Managementteams mit spezifischen Erfahrungen und ein Spezialistennetzwerk, auf das sie flexibel und kurzfristig zugreifen können. Dieses Wissen wird gemeinsam mit neuen Erfahrungen aus der aktuellen Situation über das gesamte Portfolio ausgetauscht und allen Portfoliounternehmen im Sinne eines „Best Practice Sharing“ gezielt zur Verfügung gestellt. Das verschafft in der Krise einen enormen Zeitgewinn und Qualitätsschub. Entscheidende Fragen zu Corona-gerechten Organisationsmaßnahmen, wie z.B. zu Arbeitseinrichtungen und Schichtplänen, zur Beantragung von Kurzarbeit, zu Vorbereitungen von Bankengesprächen und anschließenden Verhandlungen, zur Kommunikation mit Kunden und Lieferanten, zum Liquiditätsmanagement, zum Erschließen von alternativen Lieferquellen oder zur Flexibilisierung der Fertigung, können somit rasch beantwortet und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Das Unternehmen behält die Situation unter Kontrolle, anstatt getrieben zu werden.

Kapital auch in Notlagen

Private-Equity-Investoren wollen Unternehmen auf ihrem Weg in die Zukunft begleiten. Neben Wachstum aus eigener Kraft oder über Zukäufe gehört dazu eine Reihe von Themen wie Internationalisierung, Nachfolge, Transformation, Digitalisierung und technologische Fortentwicklung. Selbst in „normalen“ Zeiten kann es aber zu besonderen Gelegenheiten oder zu unerwarteten Krisen kommen, sodass zusätzlicher Kapitalbedarf entstehen kann, der gedeckt werden muss. Dies gehört zur Werterhaltung und -entwicklung ebenso dazu wie die unternehmerische und soziale Verantwortung, die man als Arbeitgeber trägt. Daher ist es auch völlig klar, dass gerade in schwierigen Zeiten, die wie die Corona-Krise durch externe Effekte verursacht werden, neben dem beschriebenen Know-how auch die notwendigen Mittel oder sogar noch mehr zur Verfügung gestellt werden, um durch diese Phasen hindurchzutauchen und – im besten Fall – gestärkt daraus hervorzugehen.

Unter diesem Aspekt sollten auch neue Investments betrachtet werden. Schließlich stellt ein Finanzinvestor Kapital und Möglichkeiten zur Verfügung, um Unternehmen langfristig und strategisch zu begleiten, und nicht, um ein „Schnäppchen“ zu machen. Ein solches Vorgehen würde auch die Beziehung zu dem Unternehmer und dem Team stark belasten und somit der notwendigen vertrauensvollen Zusammenarbeit im Wege stehen. Ein nachhaltig guter Ruf mit entsprechenden Referenzen ist das Kapital eines Finanzinvestors und viel mehr wert als eine kurzfristige Optimierung. Fairness muss daher immer die Grundlage des Denkens und Handelns sein, die sich auch in einer Bewertung widerspiegelt, die Corona-Effekte herausrechnet und die Basis für eine vielversprechende Zukunft legt.

Illustration: 123rf.com/Reza Pahlevi