Was wir als Finanzinvestor in Zahlen und Verträgen suchen

Soll ein Finanzinvestor in ein inhabergeführtes Unternehmen investieren, muss er innerhalb kürzester Zeit das Unternehmen verstehen lernen. Der Wissensdurst potenzieller Investoren wird häufig als Misstrauen gegenüber der unternehmerischen Leistung interpretiert.

Unternehmer fürchten häufig die Diskussionen mit Finanzinvestoren. Denn aus der Sicht des Unternehmers sind Private-Equity-Geber seelenlos, denken vor allem in Zahlen; zudem fehlt ihnen jedwede Inspiration für unternehmerische Entscheidungen und entsprechende Führung, was aber letztlich den Erfolg des Unternehmers ausmacht. Deswegen gestalten sich Gespräche mit ihnen als schwierig – so viel zunächst zum Vorurteil.

Natürlich ist dieses Vorurteil nicht ganz unberechtigt: Wo Rauch ist, findet man meist auch Feuer. Dabei lässt es sich oftmals leicht vermeiden, dass sich Gespräche verhaken und gegenseitige Ressentiments ihren Weg bahnen. Aber dafür ist es sicherlich sinnvoll, zunächst für ein wenig Verständnis zu werben.

Informationsgleichheit herstellen

Klar ist, dass Unternehmer gemeinsam mit ihren Teams ihre Unternehmen über viele Jahre und vor allem bis in die kleinste Facette kennen. Nicht alles davon ist im Detail und nachvollziehbar dokumentiert und vor allem auch nicht alles geplant. Vieles wird der Fähigkeit, schnell entscheiden zu können, untergeordnet – oftmals richtigerweise. Entsprechend wird schließlich auch nicht alles, was man messen bzw. „controllen“ kann – und manchmal sollte – gemessen.

Kommt es nun zum vollständigen oder teilweisen Verkauf an einen Investor, muss dieser versuchen, in sehr kurzer Zeit die über lange Jahre erarbeitete Detailkenntnis wenigstens in den für das Unternehmen wesentlichen Bereichen weitestgehend aufzuholen, sowie gleichzeitig eine Vorstellung entwickeln, wo das Unternehmen steht und wohin die künftige Reise von dort aus gehen soll. Zudem soll er einen angemessenen Preis für das Unternehmen bezahlen und anschließend das Unternehmen erfolgreich weiterführen, ohne dass es mit überzogenen Erwartungen belastet ist und die Vorstellungen zwischen den handelnden Personen zu weit auseinanderlaufen. Denn oftmals wird er gemeinsam mit dem Unternehmer, zumindest aber mit einem Großteil der alten Führungsmannschaft, auf diese neue Reise gehen. Eine Ehe, zumindest eine auf Zeit, soll schließlich erfolgreich geschlossen und nicht schon wieder bald schmerzhaft geschieden werden.

Pflicht und Kür

Worauf kommt es in der Zusammenarbeit zwischen Unternehmer und Finanzinvestoren an? Das lässt sich in mehreren Stufen erklären und mit dem bewährten Konzept der „Pflicht und Kür“ anschaulich darstellen:

Zur Pflicht gehört ein möglichst gutes Verständnis des Unternehmens. Dies umfasst neben einem genauen Verständnis der Markt- und Wettbewerbsposition, der heutigen und zukünftigen Ertragskraft, Einsichten in die Organisation, Produktion, Investitionsbedarfe etc. vor allem auch eine möglichst gute Kenntnis aufkommender Risiken aus rechtlichen Verpflichtungen. Jede Betrachtung und Untersuchung ist dabei unternehmensspezifisch und wird, auch um entsprechend genau und schnell zu sein, mit extern hinzugezogenen Beratern unterstützt.

Als Investor möchte man so genau wie möglich verstehen, wie es um das Unternehmen finanziell bestellt ist – aber eben nicht nur. Vielmehr möchte man dabei ebenso genau verstehen, was das Unternehmen „im Innersten zusammenhält“, wie es funktioniert, was und wer es antreibt und so die Zukunft gestaltet – und vor allem: was insbesondere dann zu leisten ist, wenn der Unternehmer, der das Unternehmen gemeinsam mit seiner Mannschaft aufgebaut und jahrelang geprägt hat, nach der Transaktion von Bord geht oder zumindest einen neuen Gesellschafter an seiner Seite zulässt. Auch dies fließt maßgeblich in die Bewertung eines Unternehmens ein.

Ein funktionsfähiges Zahlensystem zeigt, dass der Unternehmer die Führung seines Unternehmens im Griff hat. Die darauf aufsetzende Planung ist nichts anderes als ein gegenseitiges Abstecken von Erwartungen.

Bei der Kür kommt es vor allem auf Erfahrung, Empathie und Augenmaß an. Ohne diese „Soft Skills“ passieren leicht Fehler, die Unternehmer so fürchten: Der Finanzinvestor versucht, Unsicherheiten durch noch detailliertere Analysen zu überwinden, die aber meist nur marginalen Erkenntniszuwachs liefern und häufig Anlass für Misstrauen, Frustrationen und gegenseitige Schuldzuweisungen sind. Damit wird klar, worauf es bei der Kür ankommt: die Bildung von Vertrauen und gegenseitigem Verständnis als Basis einer erfolgreichen Zusammenarbeit – eben wie in einer guten Ehe.

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